Über die Angst, sich freizunehmen

Warum verzichten so viele Mitarbeiter weltweit auf ihren Urlaubsanspruch – zumindest teilweise? Und was können Angestellte und Arbeitnehmer tun, um diese Situation zu verbessern?

Australiens Fair Work Commission hat kürzlich neue Regelungen eingeführt, die es Mitarbeitern erlauben, sich nicht wahrgenommen Urlaubstage auszahlen zu lassen – ein Verfahren, das es in Deutschland bereits lange gibt. Ab sofort haben auch rund 2 Millionen Australier die Möglichkeit, Urlaubstage gegen Geld einzutauschen, sofern mindestens vier Wochen Urlaub erhalten bleiben.

Da der Urlaubsanspruch in Australien allerdings üblicherweise nur vier Wochen beträgt, könnten von dieser Regelung vor allem diejenigen profitieren, die Urlaub besonders nötig hätten. Nämlich all jene Menschen, die Urlaubstage angehäuft und aus vorangegangenen Jahren mit ins neue Jahr genommen haben. So lukrativ er klingt – der Deal Urlaubsanspruch gegen Geld ist möglicherweise gar nicht so eine tolle Sache.

Tatsächlich nehmen 11 Prozent der Australier gar keinen Urlaub. Viele Angestellte geben zudem an, weniger Urlaub zu nehmen als ihnen zusteht oder ihre Reisepläne regelmäßig aufgrund beruflicher Verpflichtungen zu verschieben. Rund zwei Drittel der Leute geben zu, unter der so genannten FOTAL (Fear of Taking Annual Leave) zu leiden.

Doch nicht nur viele Australier scheuen sich, ihren Urlaubsanspruch vollständig wahrzunehmen. In Deutschland verzichtet jeder Dritte Arbeitnehmer auf Urlaubstage – darunter vor allem Menschen, die Urlaub besonders nötig hätten. Leitende Angestellte etwa oder Mitarbeiter, die bereits viele Überstunden leisten. Im Vereinigten Königreich lässt ein Drittel der Arbeitnehmer Urlaubstage verfallen und in den USA haben alleine im Jahr 2015 55 Prozent der Angestellten auf einen Teil ihres Urlaubsanspruchs verzichtet. 658 Millionen Urlaubstage blieben dort ungenutzt.

Warum lassen Arbeitnehmer Urlaub verfallen?

Es dreht sich also um ein globales Phänomen. Doch warum nehmen Menschen freie Zeit nicht wahr, die ihnen rechtlich zusteht? Wie sich herausstellt, ist der Grund fast überall derselbe. Schaut man sich verschiedene Studien aus unterschiedlichsten Ländern an, lässt er sich auf ein Wort herunterbrechen: Angst.

Viele Arbeitnehmer fühlen sich genötigt, bestimmte Fristen einzuhalten oder haben das Gefühl, ein großes Arbeitspensum nicht über einen bestimmten Zeitraum vernachlässigen zu können. Andere befürchten mit der Arbeit nicht nachzukommen oder möchten vermeiden, dass Kollegen in ihrer Abwesenheit für sie einspringen müssen. Besonders alarmierend sind die Ängste mancher Angestellter, Gehaltserhöhungen oder die Aussicht auf eine Beförderung könnten durch Urlaub gefährdet werden.

Die Angst, die einem zustehenden Urlaubstage in Anspruch zu nehmen, ist ein ernsthaftes Problem für den Arbeitsmarkt. Vor allem ist es ein globales Problem. Wenn Mitarbeiter aufgrund von Stress und Angst auf Urlaub verzichten, besteht ein klares Verantwortungsdefizit auf Seiten der Arbeitgeber.

Unternehmen, die sich dieser Herausforderung annehmen, profitieren auch selbst davon. Großzügige Urlaubsregelungen sorgen für eine angenehmere Unternehmenskultur, kurbeln Kreativität und Produktivität an und haben sogar einen positiven Effekt auf den Nettogewinn.

Workaholic-Tendenzen hingegen werden mit einer Reihe psychischer Erkrankungen in Verbindung gebracht. Unternehmen müssen sich deshalb des Drucks bewusst werden, den sie auf Arbeitgeber ausüben und darüber nachdenken, wie sie bestimmte Belastungen verringern können, die die Ängste ihre Angstellten verschlimmern könnten. Was können also sowohl Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer tun, um zu einem gesunden Umgang mit dem Jahresurlaub zu finden?

Arbeitgeber

Unternehmen sollten in Sachen Urlaubsanspruch entspannt sein und gleichzeitig ein Auge darauf haben, wann ihre Mitarbeiter sich frei nehmen und dafür sorgen, dass sie ihren vollen Anspruch tatsächlich wahrnehmen.

Falls du Unternehmer bist oder Personalverantwortung trägst, solltest du überlegen, wie du den Druck auf deine Mitarbeiter verringern kannst und dir Kommentare wie “Wie sollen wir nur ohne dich auskommen?” verkneifen. Kontaktiere sie außerdem nicht, wenn sie im Urlaub sind. Keine E-Mails, keine Slack-Nachrichten, keine Telefonanrufe! Selbst wenn ihr gut miteinander auskommt – deine Mitarbeiter möchten im Urlaub nichts von dir hören. Im schlimmsten Fall führen Emails, Anrufe und Co. dazu, dass Mitarbeiter den Tag fürchten, an dem sie an den Schreibtisch zurückkehren müssen oder – noch schlimmer – aus dem Urlaub heraus arbeiten.

Arbeitnehmer

Als Arbeitnehmer solltest du entschieden auftreten und dich vor allem auf dein Wohlergehen konzentrieren. Erkenne, dass das Unternehmen auch in deiner Abwesenheit weiter läuft. Scheue dich nicht, Vorgesetzte oder Kollegen um Unterstützung während deines Urlaubs zu bitten. Dafür ist es empfehlenswert, ein detailliertes Übergabeprotokoll vorzubereiten.

Vergiss nicht, dass du nur dann Höchstleistungen für dein Unternehmen erbringen kannst, wenn du gut ausgeruht bist. Urlaub kommt also nicht nur dir zugute, sonder der Firma als Ganzer. Mit dieser Überzeugung solltest du deinen Schreibtisch verlassen, dein Telefon ausschalten und deine freie Zeit in vollen Zügen genießen!

Aus dem Englischen übersetzt von Sandra Stein.

Carrie M. King

Carrie M. King

Carrie M. King ist verantwortliche Redakteurin des englischen Journal by Jobspotting. Die Wahlberlinerin, die 2014 aus Dublin in die deutsche Hauptstadt zog, hat zuvor in ihrer Heimat Irland als Journalistin und in der Literaturbranche gearbeitet. Sie freut sich über jegliche Ideen und Anregungen - du erreichst sie per Mail unter carrie@jobspotting.com.

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